Antje Dertinger: »Schenk mir Deinen Namen. Scheinehen zwischen Menschlichkeit und Kriminalität.« Bonn: Dietz 1999.

Rezensiert von Katja Brunsch

Anna wurde in ihrer Heimat aus politischen Gründen verfolgt, musste fliehen und suchte ebenso wie ihr Bruder Asyl in einem Nachbarland. In dem Gastland konnte sie sich jedoch nicht wirklich sicher fühlen: ihr Bruder wurde nach kurzer Zeit ausgewiesen. Also heiratete sie einen guten Bekannten; nicht, weil sie ihn liebte, sondern weil sie so die Staatsbürgerschaft des Gastlandes erhielt. Anna war nicht Türkin, nicht Russin oder Kroatin. Anna war Deutsche. Und sie suchte Schutz vor Deutschen.

Schutzehe, Scheinehe, Pro-forma-Ehe, Papierehe: Wer diese Begriffe heute hört oder liest, denkt wohl kaum zuerst an die Tausenden Deutschen, die nach 1933 im Ausland Schutz vor politischer und/oder rassistischer Verfolgung suchten. Doch das Asyl, das diesen Flüchtlingen gewährt wurde, bot keine absolute Sicherheit. Besonders nach Beginn des Zweiten Weltkrieges mussten die Nazi-Verfolgten einen Zugriff des deutschen Regimes auch im Ausland fürchten. Eine neue Staatsbürgerschaft vermittelte mehr Sicherheit. Am schnellsten erlangte man sie durch Ehen mit Ausländern.

Von solchen Ehen, die oft nur auf dem Papier bestanden und die in der Regel nach Niederschlagung des Nazi-Regimes wieder aufgelöst wurden, erzählt Antje Dertinger in ihrem Buch »Schenk mir Deinen Namen«. Sehr detailliert schildert sie zum Beispiel den Lebensweg von Ursula Beurton, die in der DDR unter dem Pseudonym Ruth Werner als Schriftstellerin bekannt wurde. Ursula Beurton, Jüdin und Kommunistin, siedelte 1938 in die Schweiz über. Als die Lage dort für sie immer bedrohlicher wurde, heirate sie einen englischen Genossen: »Das bedeutete im Rahmen unseres Lebens keine große Angelegenheit, eine Scheidung war jederzeit wieder möglich.«

Gespickt mit vielen biographischen Details berichtet die Autorin von Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten und aus verschiedensten Gründen Scheinehen eingingen. Zu ihren prominenten Beispielen zählt etwa Rosa Luxemburg, die 1898 eine Scheinehe einging, um deutsche Staatsbürgerin zu werden und so der Ausweisung ins Zarenreich zu entgehen. Die Schauspielerin Theresa Giehse oder die eingangs erwähnte sozialistische Politikerin und Publizistin Anna Siemsen suchten Asyl in der Schweiz. Sie sahen sich konfrontiert mit Arbeitsverbot und offener Feindseligkeit: »Heute, da man weiß, daß es nicht geschah, mag die Schweiz im Weltgeschehen dieser Jahre als ein ruhiger Ort erscheinen. In Wirklichkeit war es schrecklich. […] Es gab Gerüchte, daß Emigranten, deren Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert wurde, einschließlich Juden, an die deutsche Grenze gebracht würden.« (Ursula Beurton)

Wenig bekannt ist eine ganz andere Art ehelicher Verbindungen, die noch vor nicht allzu langer Zeit in Deutschland geschlossen wurden. Antje Dertinger dokumentiert verschiedene Fälle von »Eheschließungen mit anschließendem Wohnortwechsel in die BRD« – so die offizielle DDR-Terminologie. Mehrere Tausend DDR-Bürger wählten jährlich den Weg der Scheinehe, um die DDR zu verlassen. »Ausreise mittels Ehemann – das erschien mir als der sicherste Weg,« wird eine der Frauen zitiert. Die Autorin beschreibt Beweggründe der Ausreise- und Heiratswilligen beider Seiten: sie erzählt von verweigerten Studienplätzen, Frust und Beengung einerseits und Solidarität, dem Gefühl, helfen zu wollen, andererseits. Ebenso berichten die Betroffenen von den Schikanen und Observationen seitens der Stasi, denen sie ausgesetzt waren. Legenden wurden aufgebaut, Treffen und Telefonate organisiert, Briefe ausgetauscht: »immer in der Gewißheit, daß die Stasi alles zur Kenntnis nehmen […] würde«.

Die letzten beiden Kapitel widmet die Autorin der Schutzehe in der bundesdeutschen Gegenwart. Auch diese Ehen werden häufig geschlossen, um Verfolgung zu entgehen und vor Abschiebung in Elends-, Krisen- oder Kriegsgebiete zu schützen. Daneben hat sich jedoch ein ausgesprochen krimineller Ehevermittlungs- und Heiratsmarkt entwickelt, auf dem internationale Banden tätig sind. Beide Seiten schildert die Autorin wiederum sehr detailgetreu und legt auch dar, mit welchen Maßnahmen die Behörden versuchen, Scheinehen auf die Schliche zu kommen. Schließlich machen sich beide (Schein-)Ehepartner strafbar der »Beihilfe zum Verstoß gegen das Ausländergesetz«, ein Vergehen, das mit bis zu 3 Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann.

Zum Abschluss des Buches lässt die Autorin die ehemalige Ausländerbeauftragte der Bundesregierung Cornelia Schmalz-Jacobsen zu Wort kommen. Schmalz-Jacobsen warnt eindringlich davor, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, dass Deutschland bereits seit geraumer Zeit als Einwanderungsland betrachtet werden muss: »Die Folge ist dann, daß nicht mehr politisch agiert, sondern nur noch so gut es geht auf die Wanderungsströme reagiert werden kann.« Man müsse die Realität zur Kenntnis nehmen, um eine sinnvolle Einwanderungspolitik zu gestalten und damit auch dem Missbrauch ausländerrechtlicher Bestimmungen zu begegnen.

Katja Brunsch arbeitet als freie Journalistin in Leipzig.

Nächster Artikel: Solidarity with Women in Distress

Dossier #13: Ehe und Migration. Der privilegierte Status, den eine Ehe gewährt, geht einher damit, ihn nicht jedem und jeder einzuräumen bzw. einigen den Zugang zu erschweren. In Deutschland betrifft dies vor allem Partnerschaften, in denen einer der Partner nicht den deutschen Pass besitzt.

  1. Ehe und Migration
  2. Die Geschichte der Ehe
    (Daniela Schmohl)
  3. Heirat zwischen Arrangement und Zwang
    (Siri Pahnke)
  4. Eine Form der Zwangsheirat: Die Imamehe
    (Daniela Schmohl)
  5. Binationale Ehe: Scheinehe – Schutzehe – Zweckehe?
    (Clara Kücük)
  6. Schutzehe.de – ein Kunstprojekt
  7. Interview mit einem so genannten »Scheinehepaar«
  8. Rezension: Antje Dertinger: »Schenk mir Deinen Namen.«
    (Katja Brunsch)
  9. Solidarity with Women in Distress
  10. ROSA e.V.
  11. Weiterführende Materialien